Anna, 17 Jahre, San Felipe
Mein Schuljahr in Chile
Mein Auslandsjahr in Chile begann schneller, als ich erwartet hatte. Ehe ich mich versah, kam auch schon die Ansage, dass wir gleich am Flughafen in Santiago landen.
Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartete, hatte mir nicht allzu viele Vorstellungen gemacht, um nicht später enttäuscht oder überrascht zu sein; war nicht sicher, ob meine Sprachkenntnisse ausreichen würden und, und, und. Quasi ein ziehmliches Gefühlschaos.
Als ich in meine erste Gastfamilie kam, hatte ich das Glück und Pech zugleich, dass die Familie Englischkenntnisse hatte. Es war leichter sich auszudrücken, Dinge zu verstehen und sich zu verständigen. Somit waren die ersten Monate ein wenig leichter für mich. Leider wurde ich auch noch nach Monaten auf Englisch angesprochen und gewöhnte mich so öfter daran Gespräche mit meinem Gastbruder oder Mutter auf Englisch zu führen, obwohl ich es genauso in Spanisch gekonnt hätte oder generell einfach die Übung gebraucht hätte, um mein Spanisch aufzubessern.
Gelernt habe ich Spanisch trotzdem, aber wohl nicht so viel wie Austauschschüler, deren Gastfamilie kein Englisch konnte,wie es der Normalfall in Chile ist. Jedoch das meiste Spanisch lernt man wohl eher in der Schule, wenn man Aufsätze schreibt, oder sich einfach mit Klassenkameraden unterhält.
Ich hatte mich eingelebt, kam sehr gut mit meinen Gastbrüdern aus, ging zur Schule etc.
Aber leider lief nicht alles so, wie ich es mir gewünscht hatte.Ich hatte zwei Gastbrüder und zwei Gastschwestern. Von den beiden Schwestern ging eine zur Polizeischule in Santiago, war also fast nie Zuhause, und eine, die nur ein Jahr älter ist als ich und mit mir in die gleiche Klasse geht. Also die Person, mit der ich am meisten zu tun hatte und auf die ich mich am meisten stützen musste. Das Problem war, wir konnten und können uns noch immer nicht ausstehen. Die Chemie stimmt einfach nicht. Manchmal passiert eben auch mal so was.
So entschieden meine Gasteltern und ich nach sechs Monaten, dass es das Beste wäre, die Familie zu wechseln.
Ich behaupte aber in keiner Weise, dass das eine schlechte Erfahrung war; ganz im Gegenteil.Eher bin ich froh, dass ich auch diese Seite kennenlernen durfte. Seit dem bin ich bei Problemen gelassener, male nicht gleich den Teufel an die Wand, sondern denke positiv.
Durch diesen Wechsel stand ich nun vor der Entscheidung, ob ich in meiner neuen Heimatstadt San Felipe bleiben wollte, indem ich bei einer neuen Freundin lebe oder einen Komplettwechsel mache und mich überraschen lasse, wo es hingeht.
Ich habe mich für das Bleiben entschieden, da ich mich in der Schule so wohl fühlte, Freunde gewonnen hatte und auch im Basketballschulteam gleich aufgenommen wurde und Spass hatte. Seit dem wohne ich in der Famile meiner Klassenkameradin, Freundin und liebgewonnener Schwester. Meine Entscheidung ist die Richtige gewesen, denn ich fühle mich besser und wohler den je, da ich wunderbar in meine neue Familie hereinpasse.
Meine Eltern haben mich wahnsinnig herzlich aufgenommen und sehen mich wie ihre wahre Tochter an; als wär ich schon immer dagewesen. Mein Bruder studiert in Viña del Mar, ich sehe ihn eher selten, aber wenn wir zusammen sind, verstehen wir uns auf Anhieb und es gibt so viel zu lachen. Und zu meiner Gastschwester: Wir haben so viel gemeinsam, können uns immer auf den anderen verlassen und haben so viel Spass miteinander. In Kurzform: Wir sind wie füreinander geschaffen.
So hat der Familienwechsel mir verschiedene Seiten gezeigt. Aber noch einen anderen Unterschied habe ich kennengelernt. Mein erster Gastvater ist Zahnarzt, seine Frau braucht nicht arbeiten und so gehören sie dementsprechend zur höheren Klasse und oft sind wir mit dem Auto nach Santiago gefahren oder zu anderen Orten.
Mein jetziger Papa arbeitet auf einer Obstplantage als Chefmechaniker und meine Mama arbeitet dort ebenso und verpackt Früchte in Kisten. Wir haben nichtmal ein Auto und schon gar nicht kann man es sich erlauben jedes Wochenende in die Hauptstadt zum Shoppen zu fahren.
Ich weiss noch, wie ich heimlich vor meinem Auslandsjahr gehofft hatte, in eine etwas reichere Familie zu kommen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Man hat viel mehr Möglichkeiten Ausflüge zu machen oder mal ins Kino oder Café zu gehen.
Mein Familienwechsel hat mir gezeigt, dass man durch Geld vielleicht mehr Möglichkeiten hat, aber glücklicher macht es einen nicht. Ich bin wirklich froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte,denn sie hat mich auch als Person verändert.
Ich ziehe es definitiv vor, mit meiner Familie glücklich einen Film Zuhause zu schauen oder gemütlich bei Tee zu schwatzen und zu lachen, als im Auto mit peinlichem Schweigen durch die Gegend zu fahren.
Nun bleiben mir nicht mehr als einige Wochen und ich bin so froh, dass ich all dies kennenlernen durfte, freu mich auf mein deutsches Zuhause, bin aber gleichzeitig sehr traurig, dass ich gehen muss und wünschte, ich könnte noch ein wenig länger bleiben.
Ich kann nur Jedem raten, sich keine grossen Visionen zu machen, sondern sich da einfach reinführen zu lassen und keine grossen Werte auf Geld oder Ort zu legen, denn all dies sind Dinge, die ihren Wert ganz schnell verlieren gegenüber Familie,Freunde und Wohlbefinden.
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Anna in ihrer Schule

Anna in den Anden beim Skifahren
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