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Scheiden tut weh
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Wenig Hoffnung für neues Ehegesetz in Chile
Bekommt Chile endlich als letztes Land des westlichen Kulturkreises ein Scheidungsgesetz? Die Befürworter schöpften Hoffnung, als Präsident Lagos sich kürzlich ausdrücklich dafür aussprach. Freilich mit höchst vorsichtigen Worten und ohne konkrete Bemühungen anzukündigen. So wird es wohl auf absehbare Zeit bei der folgenschweren Praxis der erschwindelten Annullierungen und De-facto-Scheidungen bleiben.
«Lagos will Scheidung gesetzlich regeln.» So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen der Dienstagspresse. Wer genauer hinsah, musste feststellen, dass Lagos einmal mehr wie die Katze um den heißen Brei herumgeschlichen war. Sei es, weil er sich entscheidende Ankündigungen für seine Regierungserklärung am 21. Mai aufheben möchte, sei es, weil auch er das heiße Eisen Scheidungsrecht nicht anpacken will. «Jede Familie ist für sich etwas Besonderes», räsonierte der selbst zum zweiten Mal verheiratete Präsident. «Eine entsprechende Gesetzgebung muss auch jene Fälle regeln, wo sich die Partner nicht mehr vertragen, damit sie eine zweite Chance bekommen.»
Die Äußerungen fielen im Rahmen einer Feier anlässlich des Internationalen Tages der Familie. Akzente setzte der Präsident bezüglich der Definition dieses Begriffs, den die chilenische Gesellschaft traditionell auf das Modell «Vater - Mutter - Kinder» reduziert. Das Land müsse auch andere Formen der Familie unterstützen, sagte Lagos, und seine Frau ergänzte: «Jeder fünften Familie steht eine (alleinerziehende) Frau vor, diese Realität kann man nicht ignorieren!»
Wie der Teufel das Weihwasser
enseits der Absichtserklärungen hat Lagos jedoch bislang nicht erkennen lassen, dass er in Sachen Ehe- und Familienrecht die Initiative ergreifen will. Im Gegenteil: Während des Wahlkampfes mied er das Thema wie der Teufel das Weihwasser, widersprach sich sogar. Nun hat er es in der Hand: Er braucht nur dem Gesetzesentwurf, der 1997 von der Abgeordnetenkammer abgesegnet wurde und seither im Senat schlummert, die nötige Dringlichkeitsstufe zu verleihen, um die Diskussion wieder zu beleben.
Das Land hätte es dringend nötig. Studien zufolge haben die De-facto-Trennungen ohne gesetzliche Grundlage in den vergangenen Jahren rasant zugenommen und betreffen mittlerweile rund ein Viertel aller Ehen mit Kindern. Die Zahl der - meist mit juristischen Tricks erwirkten - Annullierungen hat sich in 30 Jahren verfünffacht und liegt mittlerweile bei rund 7000 pro Jahr. Die Folgen: Unterhaltsfragen werden gar nicht oder zu Lasten der Frau und der Kinder geregelt. Neue Partnerschaften, und seien sie noch so stabil, bleiben oft informell.
Alles wie gehabt
Dem Sekretär der zuständigen Senatskommission José Luis Allende zufolge besteht auch im Parlament keine Eile, das Gesetz voranzubringen. Andere Vorhaben wie die Reform des Strafrechtes hätten Vorrang, erklärte Allende. Außerdem, so der Beamte, müssten zeitgleich mit dem neuen Ehegesetz die Familiengerichte reformiert werden.
Für den bekennenden Atheisten Lagos wird es schwer - wenn er es denn versuchen will -, gegen die Front aus katholischem Klerus und erzkonservativen Politikern vorzugehen. Sie malen mit Vorliebe gleich den Abfall vom Christentum an die Wand - als ob nicht urchristliche Länder wie Italien oder Spanien längst die Scheidung gesetzlich geregelt hätten. Wer das in Chile tun will, kann zehnmal erklären, dass es ihm eigentlich um die Stärkung der Familie geht: Man wird ihm nicht glauben. Und so beeilte sich Frauenministerin Adriana Delpiano am Dienstag zu erklären, dass das Ehegesetz nicht vordringlich sei und frühestens Ende 2001 verabschiedet werden könne. Vorerst bleibt alles wie gehabt.
Malte Sieber
Titelstory für den CONDOR, 26.5.2000
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