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Die alte Leier
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Margot Honecker beschwört das Paradies DDR - Buchvorstellung in Santiago
Lange Zeit war es still um sie. Margot Honecker, die mächtigste Frau der DDR, lebte seit dem Tod ihres Mannes 1994 allein und zurückgezogen in Santiago de Chile, wohin der Ex-Staatschef und die einstige Volksbildungsministerin kurz zuvor ihrer Tochter Sonia gefolgt waren. Keinem der zahlreichen Journalisten, die sich am Tor der geschlossenen und bewachten Wohnanlage meldeten, gewährte sie Zutritt. So glaubte man zumindest bislang.
Nun wird offenkundig, dass sie zumindest mit einem ehemaligen Journalisten intensiv geredet hat. "Man kann aus der Niederlage des Sozialismus mindestens eine grundlegende Lehre ziehen", gab sie Luis Corvalán zu Protokoll. "Man darf die Rolle der marxistischen Partei nicht in Zweifel ziehen." Damit ist die Richtung vorgegeben. Am heutigen Donnerstag stellt Corvalán, langjähriger Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles, in Santiago sein Buch "Das andere Deutschland, die DDR. Gespräche mit Margot Honecker" vor. Der späte Versuch der Ehrenrettung des sozialistischen Traums wird zugleich Margots erster öffentlicher Auftritt seit sechs Jahren.
Der heute 84-jährige Corvalán machte bereits vor seinem Aufstieg an die Parteispitze mit flammenden politischen Schriften und Artikeln von sich reden. 1973 von Pinochet verhaftet und auf der Insel Dawson interniert, kannte in der DDR nach einer großangelegten Solidaritätsaktion jedes Kind seinen Namen. 1977 kam er frei und ging ins Moskauer Exil. In der chilenischen Linken gilt er als marxistischer Hardliner, nach seiner Rückkehr spielte er jedoch keine Rolle mehr in der Politik.
Dieses Schicksal teilt er mit seiner Gesprächspartnerin. Beide, das wird in dem Buch deutlich, grollen bis heute Gorbatschow und seiner Perestroika, denen sie die Hauptschuld am Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geben. "Die Befürworter von Perestroika und Glasnost verschlossen Augen und Ohren vor der schwerwiegenden Situation in der UdSSR", klagt Margot.
Seit acht Jahren lebt die heute 73-jährige in dem friedlichen Villenviertel La Reina Alta an den Hängen der Vorkordillere. Das zweistöckige Haus mit vier Zimmern hatte Tochter Sonia noch während der Bauphase gekauft und für ihre Eltern einrichten lassen. Sie selbst war ihrem chilenischen Mann Fernando Yáñez, den sie während seines Exils in der DDR kennen gelernt hatte, nach Santiago gefolgt, wo sie sich bald darauf trennten. Heute lebt Sonia mit ihrer elfjährigen Tochter Viviana nur ein paar Straßen entfernt. Ihr 25-jähriger Sohn Roberto, der noch in der DDR aufgewachsen war, zog frühzeitig aus und nistete sich bei Oma Margot ein. Ein Designstudium hat er abgebrochen; es heißt, wegen Drogenproblemen. Tatsächlich ist er derzeit zur Behandlung eines "Nervenleidens" auf Kuba, eingeladen von Fidel Castro persönlich. Margot soll ihren Enkel dort sogar besucht haben.
er Urne ist übrigens nichts bekannt - hat seine Witwe die Öffentlichkeit gemieden und lediglich persönliche Kontakte zu ehemaligen chilenischen Exilianten gepflegt. Dennoch ist sie offensichtlich auf dem laufenden über die Ereignisse im vereinigten Deutschland. Freilich nimmt sie vor allem die negativen Aspekte der Entwicklung wahr, was ihrem festgefügten Weltbild Kratzer erspart: "Der Kapitalismus herrscht wieder in ganz Deutschland. Die Lebensbedingungen für einen großen Teil der Menschen sind dadurch immer härter geworden", urteilt sie.
Wer erwartet hatte, Margot habe sich in zehn Jahren um Distanz zum eigenen Handeln bemüht, der sieht sich getäuscht. In den Gesprächen mit Corvalán entwirft sie ein von Zweifeln kaum getrübtes Bild der DDR als dem verlorenen Paradies und der Vereinigung als Rache des "imperialistischen Gegners". Im hölzernen Politbüro-Kauderwelsch betet sie die Errungenschaften des Sozialismus herunter wie in der Staatsbürgerkunde-Prüfung. Und weil ein Schuss Selbstkritik schon auf jedem SED-Parteiplenum zum guten Ton gehörte, vergisst sie auch diesen nicht: "Unsere Fehler bestanden darin, dass oftmals die diskutierten Entscheidungen und eingereichten Vorschläge nicht in die Praxis umgesetzt wurden." Wie einst verschwindet da die eigene Verantwortung hinter dem Passiv und dem breiten Rücken des kollektiven Wir. Nur selten schlägt sie auch nachdenkliche Töne an: "Wir haben unsere eigene Kraft und das bereits Erreichte überschätzt."
Die Frage nach ihrer persönlichen Rolle oder der ihres Mannes wird freilich gar nicht erst gestellt. Margots altem Kampfgefährten Luis Corvalán geht es ebensowenig wie ihr um die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, sondern um deren nostalgische Verklärung. Margot Honecker hat ihr Schweigen gebrochen, doch Aufklärung bleibt sie uns weiter schuldig.
Malte Sieber
Originalfassung des Artikels für die MAZ, Ostseezeitung und Freie Presse am 14.10.2000. Foto: Autor
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